2. Deutsche im Karpatenbecken von der Zeit des Andreanumbis zum Ende der Türkenherrschaft in Ungarn

 

Das Karpatenbecken war seit prähistorischer Zeit von verschiedenen - vor allem indoeuropäischen - Völkern bewohnt. Nach dem Verfall des Weströmischen Reiches im Jahre 476 n. Chr. lebten vor allem verschiedene germanische - Langobarden, Skiren, Gepiden - und slawische Stämme auf dem Gebiet Pannoniens. Das später "deutsch" genannte Volk, das sich im Laufe des 8.-9. Jahrhunderts im östlichen Teil des Frankenreiches entfaltete, lebte nördlich der Alpen. Das Deutschtum im Karpatenbecken war also kein Ureinwohner, aber schon im Laufe des 9. Jahrhunderts erschienen die ersten ostfränkischen Sippen in Pannonien.

Die fränkische (frühdeutsche) Ansiedlung spielte sich auf verschiedene Art und Weise ab. Einerseits kamen die Franken nach 800 n. Chr. als Eroberer nach Pannonien. Nach dem Verfall des Awarenreiches siedelten sie sich durch die Zurückdrängung der Awaren und der anderen Völker an. Andererseits wurde die frühere, eingeborene Bevölkerung von ihnen langsam, aber sicher assimiliert.

Der fränkische Kaiser Karl der Große gründete zwei Markgrafschaften auf dem Gebiet Pannoniens - die Ostmark und Friaul -, sie sollten die Ostgrenzen des Frankenreichs schützen. Infolge der östlichen Expansion des Frankenreichs ließ sich eine Bevölkerung mit fränkischer und bayerischer Sprache auf dem Gebiet Pannoniens und des Großmährischen Reiches nieder. Die während des 9. Jahrhunderts gegründeten deutschen Siedlungen waren in der Gegend des Plattensees und Fünfkirchens/Pécskonzentriert. (Die deutschen Namen der Siedlungen und der Landschaften sind in Kapitel 6 zu finden.)

Die am Ende des 9. Jahrhunderts einsetzende ungarische Landnahme veränderte grundsätzlich die politische und gleichzeitig auch die ethnische Landkarte des Karpatenbeckens. Im Karpatenbecken wurden beide Markgrafschaften infolge der Angriffe der Ungarn und der Mährer am Anfang des 10. Jahrhunderts vernichtet. Der ostfränkische König Otto d. Große (935-973) gründete später als deutsch-römischer Kaiser abermals die Markgrafschaft Ostmark. Trotzdem kamen wegen der politischen Situation keine neuen fränkischen oder anderen "deutschen" Siedler aus dem Deutsch-Römischen Reich ins Karpatenbecken. Im ungarischen Fürstentum des 10. Jahrhunderts lebte keine bedeutende deutsche Bevölkerung.

Die ungarische Staatsgründung brachte eine Veränderung aus der Sicht der deutschen Ansiedlung und nach hundertjähriger Abwesenheit ließen sich Deutsche als Gäste (hospites) wieder in größerer Zahl im Karpatenbecken nieder. Vor allem kamen Ritter, Priester, Mönche und Bauern nach Ungarn und spielten eine bedeutende Rolle in der um die Jahrtausendwende begonnenen Christianisierung Ungarns. Die deutschsprachige Bevölkerung erfüllte wichtige Aufgaben im militärischen, politischen, kirchlichen und wirtschaftlichen Leben des Landes. Was für eine eminente Rolle die angesiedelten Deutschen im Leben des ungarischen Staates hatten, wird durch einige Beispiele aus jener Zeit beleuchtet.

 

Die deutsche Bevölkerung, die entlang der Flüsse Kraszna und Bereteu angesiedelt wurde, verteidigte schon im 11. Jahrhundert das Tor von Meszes gegen die Angriffe der östlichen Nomaden. Dieses Tor bildete eine wichtige Straße zwischen der großen ungarischen Tiefebene und Siebenbürgen.

Im Jahre 1052 versenkte ein deutscher Burgsoldat, Sothmund (der ungarischen Überlieferung nach der „Taucher Kund”) die deutschen Schiffe auf der Donau, die die Stadt Preßburg/Pozsonybelagerten. Preßburg/Pozsony hatte schon im 11. Jahrhundert in großer Anzahl eine deutsche Bevölkerung, erhielt das Stadtrecht aber erst Anfang des 13. Jahrhunderts.

1074 übergab König Salomon seinem Schwager, dem deutschen Kaiser Heinrich IV. die Stadt Wieselburg/Moson. Der Kaiser begüterte mit diesem Gebiet deutsche kirchliche und weltliche Großgrundbesitzer des deutsch-römischen Reiches. Wieselburg/Moson erhielt zusammen mit Ungarisch-Altenburg/Magyaróvár 1354 das Ofner Stadtrecht.

Vom 11. Jahrhundert an wuchs die Bevölkerung Westeuropas mit rasender Geschwindigkeit und dies führte dazu, daß die deutschen Bauern nach Osten, nach spärlich bewohnten Gebieten auswanderten. Unter der Regierung von Géza II. aus der Dynastie der Árpáden (1141-1162) nahm die Ansiedlung der deutschsprachigen Bevölkerung in Ungarn in größerem Maße ihren Anfang. Die Zielorte dieser Ansiedlung waren Oberungarn und Siebenbürgen. Die Zahl der Gäste (hospites), die unter der Regierung von Géza II. nach Ungarn kamen, erreichte etwa 500 Familien, also etwa 2000-2500 Menschen. Die Bevölkerungszahl der Deutschen wuchs in den kommenden Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts durch weitere Kolonisten und durch die natürliche Bevölkerungszunahme. Infolge der Ansiedlungen bildeten sich zwei Siedlungsgebiete im Ungarn des Mittelalters heraus: die Zips und der Königsboden. Die Zips umfaßt das von den Sachsen bewohnte Gebiet, das entlang der östlichen und südöstlichen Abhänge der Hohen Tatra und entlang des Flusses Popern liegt. Der Name des sächsischen Gebietes in Siebenbürgen wird auf die Belehnung durch Géza II. zurückgeführt. Der Königsboden war durch die Flüsse Mieresch, Groß-Kokeln, den Alt und durch das Hermannstädter Gebirge begrenzt. Die Aufgabe der deutschen (sächsischen) Siedler war die Bevölkerung der spärlich bewohnten Gebiete, sie zu bewirtschaften und gleichzeitig die Grenzen dieser Gebiete zu verteidigen.

 

1211 rief Andreas II. den aus dem Heiligen Land vertriebenen Deutschen Ritterorden ins Land und siedelte ihn im Burzenland an. Der Deutsche Ritterorden siedelte seinerseits weitere deutsche Kolonisten im Burzenland an. Dieses Gebiet lag südlich des Alts, nördlich des Kronstädter Gebirges (des Törcswarer Passes und der Tömöscher Enge) und wurde durch den Ritterorden zu einem System von Burgen und Festungen ausgebaut. Infolge dieser Tätigkeit entstanden die deutschen Dörfer des Nösnerlandes und die sächsischen Gemeinden im Burzenland, ähnlich wie früher auf dem Königsboden. Als der Deutsche Ritterorden durch die Stärkung seiner Lage nach der Abtrennung des ganzen Gebietes von Ungarn und nach der Gründung eines selbständigen Ordenstaates strebte, und als er das von ihm beherrschte Gebiet zum Lehen des Papstes erklären wollte, wurde er von Andreas II. 1225 vertrieben.

1224 ist ein wichtiges Jahr in der Geschichte des Deutschtums im Karpatenbecken, denn der König regelte in diesem Jahr in einem großen Freiheitsbrief, im sogenannten Andreanum, die Rechte der Siebenbürger sächsischen (ausschließlich auf dem Königsboden angesiedelten) Bevölkerung. Laut Freiheitsbrief durfte der König den Boden der Sachsen niemanden zum Lehen geben, die Sachsen standen daher unmittelbar unter der Gerichtsbarkeit des Königs und des Hermannstädter Grafen. Mit dem Andreanum hatte der König das Ziel, die zwischen Broos/Szászváros und Barót lebende Bevölkerung juristisch zu einen. Von da an strebten die Siebenbürger Sachsen stets danach, ihre im Andreanum festgeschriebenen Privilegien vom jeweiligen König anerkennen und bekräftigen zu lassen. Die sächsische Bevölkerung, die in anderen Gebieten Ungarns lebte, strebte danach, daß der König die in dem großen Freiheitsbrief festgeschriebenen Rechte auch auf sie erweitere. So wurde das Andreanum von beinahe jedem ungarischen König erneuert, so z.B. 1317 von Karl Robert (1308-1342). Ludwig d. Große (I.) (1342-1382) erweiterte 1366 die im Andreanum festgeschriebenen Freiheiten auf das Nösnerland (Komitat Bistritz-Naßod), König Sigismund (1387-1437) tat 1422 dasselbe in Bezug auf das Burzenland.

Am 24. November 1271 verlieh König Stephan V. aus der Dynastie der Árpáden (1270-1272) der sächsischen Bevölkerung in Oberungarn, in der Zips, einen großen Freiheitsbrief. Dieser Freiheitsbrief sicherte gleiche Rechte wie das Andreanum. Die sächsische (deutsche) Bevölkerung strebte somit nach allgemeingültigen Privilegien.

 

Die erlassenen Freiheitsbriefe sicherten die folgenden Rechte und Verpflichtungen:

1. die Unabhängigkeit von den Komitatsbehörden,

2. die unmittelbare Verbindung zur königlichen Macht,

3. weitgehend unabhängige Gerichtsbarkeit und Verwaltung,

4. die freie Wahl der Beamten der unteren Stufe aus den eigenen Reihen,

5. die Wahl der Geistlichen,

6. in der Heeresorganisation: Aufstellung getrennter Truppen,

7. dem König Obdach gewähren,

8. spezifisch geregelte Steuerleistungen und Abgabeverpflichtungen.

 

Innerhalb des Deutschtums im Karpatenbecken bildete sich keine eigene Adelsschicht heraus, denn dies wurde durch die mitgebrachten Gewohnheitsrechte und durch die königliche Regelung verhindert - die königlichen Beamten der unteren Stufe wurden zu frei gewählten Beamten: z.B. der Siebenbürger Sachsengraf, zu dessen Ernennung auch die königliche Zustimmung gebraucht wurde. Ähnliche Aufgaben hatten auch die sächsischen Schultheißen (soltészek), die vom 12. Jahrhundert an die Ansiedlung der bis dahin unbewohnten Gebiete von Oberungarn leiteten, danach wurden sie vom Richter der Siedlergemeinden. Auch die ungarische Benennung „soltész” stammt vom deutschen Wort Schultheiß. Zahlreiche frühere hospes-Siedlungen erhielten von den Königen, von den kirchlichen oder weltlichen Großgrundbesitzern das „deutsche” (bzw. „sächsische”) Stadtrecht.

In der begonnenen Entwicklung der Städte im mittelalterlichen Ungarn hatten die Sachsen eine entscheidende Rolle, denn die Bevölkerung dieser Gemeinden bestand vor allem aus Deutschen und die Bewohner einiger Städte waren ausschließlich Sachsen. Die Städte schlossen sich aktiv auch an die politischen Geschehnisse an. Nach dem Aussterben der Árpáden wurde die politische Führung Ungarns unter den mächtigen Großgrundbesitzern (Territorialherren - kiskirályok) zersplittert. Zugleich erhoben mehrere Thronbewerber ihren Anspruch auf den ungarischen Thron. Aus dem politischen Durcheinander bedeutete der Machtantritt von Karl Robert, der Mitglied der Dynastie von Anjou aus Neapel war, einen Ausweg. Als die Städte dies erkannten, traten sie an Karl Roberts Seite und nahmen tätigen Anteil an den Kämpfen; so errang der König z.B. 1312 in der Schlacht bei Rozgony durch das tapfere Standhalten der Bürger aus Kaschau/Kassa - die überwiegend Deutsche waren - den Sieg über das Geschlecht der Aba und über ihren Verbündeten Máté Csák. Der gleiche Wandel wie bei den Siebenbürger Sachsen, also das Streben nach politischer Autonomie wird dadurch deutlich, daß die Zipser Sachsen in demselben Jahr 1312 den Zipser Bund begründeten.

1324 lehnten sich die Siebenbürger Sachsen offen gegen die königliche Macht auf. Der Aufstand wurde dadurch ausgelöst, daß Thomas als Graf von Szolnok und als Woiwode von Siebenbürgen zugleich auch Graf von Hermannstadt sein wollte. Der sächsische Aufstand wurde vom Sachsengraf Henning von Petersdorf (Petersdorf/Péterfalva bei Mühlbach/Szástsebes) geleitet. Henning von Petersdorf fiel im Kampf bei der Repser Burg/Kőhalom vára, seine Güter wurden wegen Hochverrats eingezogen. Der Aufstand wurde in Blut erstickt. Der Aufstand von 1324 stand der wirtschaftlichen Entwicklung zwar nicht im Wege, aber die von den Sachsen so heiß ersehnte politische und rechtliche Einheit wurde für weitere 150 Jahre aufgeschoben und konnte erst unter der Regierung des Königs Matthias (1458-1490) realisiert werden.

Nach Niederwerfung des Aufstandes wurde die Provinz der Sachsen auf dem Königsboden neu organisiert. Es wurden neben dem Hauptsuhl Hermannstadt/Nagyszeben sieben weitere Stühle eingerichtet. Diese Stühle waren in der historischen Reihenfolge Schäßburg/Segesvár, Mühlbach/Szászsebes, Groß-Schenk/Nagysink,Reußmarkt/Szerdahely, Reps/Kőhalom,Leschkirch/Újegyháza, Broos/Szászváros. Vom Ende des 15. Jahrhunderts an schlossen sich zwei weitere Stühle - Mediasch/Medgyes an der Kokel, Großschelken/Nagyselyk - und der Kreis von Kronstadt/Brassó sowie der Kreis Nösen/Beszterce den sieben Stühlen an. 1464 erhielt der Hauptstuhl Hermannstadt/Nagyszeben das Recht, den Königsrichter des Stuhles selbst zu wählen. 1469 bekamen die anderen sächsischen Stühle dieses Recht. Der höchste königliche Würdenträger der Siebenbürger Sachsen war der sogenannte Sachsengraf, mit anderem Namen der Gespan von Hermannstadt/Nagyszeben (Comes Universitas Saxonum), der durch den im Jahre 1486 von König Matthias ausgestellten Freiheitsbrief der erste königliche Würdenträger der sächsischen Nationsuniversität Siebenbürgens wurde.

Im Laufe des 14. Jahrhunderts erlebten die Städte eine gewaltige wirtschaftliche Entwicklung. Diese Entwicklung betraf in erster Linie die sächsischen Städte von Siebenbürgen. Neben Syrmien in Südungarn zählten die Siebenbürger Sachsenstühle zu dieser Zeit zu den höchstentwickelten Gebieten Ungarns. Dies wird durch die zahlenmäßige Zunahme der Zünfte bewiesen. 1376 gab es in vier sächsischen Städten Hermannstadt/Nagyszeben,Schäßburg/Segesvár, Mühlbach/Szászsebes und Broos/Szászváros schon 19 Zünfte. Diese Entwicklung wird auch dadurch widergespiegelt, daß König Sigismund 1402 Bartfeld/Bártfa,Leutschau/Lőcse, Tyrnau/Nagyszombat,Preßburg/Pozsony und Ödenburg/Sopron mit dem Stapelrecht ausstattete und ihren Bürgern das Recht des Freihandels auf dem Gesamtgebiet Ungarns gewährte. Auf die ununterbrochene Entwicklung der Städte weist hin, daß König Sigismund im Jahre 1405 mit einem besonderen Gesetz die Rechte der Städte regelte; in demselben Jahr wurde auch das deutschsprachige Gesetzbuch der Stadt Ofen/Buda kompiliert. Das Ofener Gesetzbuch, das keine einheitliche Konzipierung hatte und in mehreren Phasen entstand, faßte die Elemente der Rechte der westlichen Städte, vor allem die Elemente des Magdeburger Rechtes, die Privilegien, die Satzungen, die Zunftordnungen und zum Teil das Gewohnheitsrecht der Stadt Ofen/Buda in ein System zusammen. Dieses Gesetzbuch wurde dann zu einem landesweit befolgten Modell. Neben den Städten nahmen auch die Marktflecken eine schwungvolle Entwicklung.

Allerdings mischte sich die Politik in die organische Entwicklung der deutschen Siedlungen im Karpatenbecken hinein. König Sigismund verpfändete 1412 dem polnischen König Wladislaw II. zur Finanzierung des Krieges gegen Venedig die Städte Lublau/Lubló,Gnezda/Gnézda, Podolin, die Burgdomäne von Lublau/Lubló, sowie weitere 13 Zipser Städte. Die Städte unter polnischer Herrschaft - Iglau/Igló,Leibic, Durand, Ruszkin,Béla, Ménhárd, Szepesszombat,Strázsa, Matheóc, Felka,Poprád, Olaszi und Váralja- bewahrten bis zum Ende ihre Selbstverwaltung und auch das Bewußtsein, zu Ungarn zu gehören.

Dank ihrer Entwicklung bauten die Städte neben der wirtschaftlichen Führungsposition auch ihre politische Macht aus und ab 1430 konnten sie auch an den Versammlungen der Stände, an den späteren Ständetagen teilnehmen. Daher können auch die Siegel der Städte Preßburg/Pozsony und Ödenburg/Sopron auf der Urkunde des Ständetages aus dem Jahre 1438 gefunden werden. Dieser Ständetag wählte Albrecht von Habsburg zum Nachfolger von König Sigismund.

In der Entwicklung der ungarländischen Städte bedeuteten die Angriffe der Türken, die am Ende des 14. Jahrhunderts begannen und vom 15. Jahrhundert an immer häufiger wurden, einen Bruch. Die Streifzüge der Türken bedrohten vor allem Südungarn und Siebenbürgen, und so fielen die sächsischen Städte in Siebenbürgen den Verwüstungen der Türken zum Opfer. All dies veranlaßte die Siebenbürger Sachsen zur Organisation ihrer Selbstverteidigung und zu einem in Europa einzigartigen Unternehmen, nämlich dazu, Kirchen mit einer guten strategischen Lage zu Wehrkirchen und zu Festungen auszubauen. Das Resultat dieser Tätigkeit war ein Festungsgürtel, der am Ende des 15. Jahrhunderts mehr als 300 Wehrkirchen einschloß. Von diesen Festungen erhielten sich bis heute immerhin noch 150. Die Städte und damit auch die Sachsen stießen in der Person des Königs Matthias auf einen Befürworter mit großer Macht. Als Ergebnis der Politik des Königs Matthias wurde die zweihundert Jahre alte Bestrebung des Siebenbürger Deutschtums im Jahre 1486 erfüllt: der König erweiterte die im Andreanum festgelegten Privilegien generell auf die sächsische Bevölkerung Siebenbürgens. So verwirklichte sich endlich die siebenbürgische sächsische Nation, die sächsische Universität (Universitas Saxonum Transsylvaniae). Die im 16. Jahrhundert einsetzende Reformation veränderte grundsätzlich die religiöse und demzufolge auch die politische Einstellung der Bevölkerung in den Städten. Im 16. und im 17. Jahrhundert verbreitete sich das evangelische Bekenntnis unter den Deutschen und nahm ein solches Ausmaß an, daß diese Richtung des Protestantismus im Ungarn der Reformation auch „deutsches Bekenntnis” genannt wurde. Mit der rapiden Verbreitung des Protestantismus wurde die reformierte Konfession unter der ungarischen Bevölkerung das stärkste Bekenntnis und wurde als „ungarischer Glaube” bezeichnet.

Die Herrschaft der Türken, die große Teile Ungarns besetzten, und die mit dieser Herrschaft eng verbundenen Heimsuchungen bedeuteten für die Menschen dieses Zeitalters neben der konfessionellen Spaltung die größte Belastung. In Europa war die Richtung der türkischen Eroberung Ungarn, und außer Ungarn das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Die Streitkräfte des mittelalterlichen ungarischen Staates erlitten am 29. August 1526 in der Schlacht bei Mohatsch/Mohács eine vernichtende Niederlage. Dem in der Schlacht gefallenen ungarischen König Ludwig von Jagellow II. folgten zwei Monarchen, Johann von Zápolya (1526-1540) und Ferdinand von Habsburg I. (1526-1564) auf den Thron; durch dieses Ereignis verband sich das Schicksal Ungarns für mehrere Jahrhunderte mit dem Habsburger-Reich. Das geteilte Land fiel durch die Eroberung von Ofen/Buda am 29. August 1541 der Macht der Türken als reife Frucht in den Schoß. Dies bedeutete die Spaltung des Landes in drei Teile. Das königliche Ungarn war von der Dynastie der Habsburger beherrscht, der innere Teil des Landes war von den Türken besetzt, die östlichen Regionen, das siebenbürgische Fürstentum, das die Türken als Lehen hatten, wurde von ungarischen Fürsten regiert. Dieser gegebene politische Rahmen bestimmte für 150 Jahre die politische, wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung des Karpatenbeckens.

In dem ab 1541 dreigeteilten Land war man sogleich darum bemüht, daß die von den Türken nicht besetzten Teile - Westungarn und Siebenbürgen - weiterhin eine organische Einheit bilden sollten. Die Siebenbürger Sachsen traten dafür ein, Siebenbürgen mit dem königlichen Ungarn, also mit den Habsburgern, zu verbinden. In diesem Sinne arbeiteten der Sachsengraf Markus Pemfflinger und Petrus Haller im Vertrauen auf die westliche Unterstützung. Aber diese Bestrebung scheiterte bald an Leuten, die sich nach der Realpolitik richteten. Der größte Gegenspieler Pemfflingers war der Kronstädter Stadtrichter Lukas Hirscher, der sich schon ab 1530 dem Lager Zápolyas näherte, und mit Ausnahme von Hermannstadt anerkannten die Sachsen in kürzester Zeit Zápolya als ihren König. Der Angriff der Türken in den Jahren 1551-1552, der zur Besetzung weiterer Landesteile führte, vernichtete jede Hoffnung, die sich die Vereinigung des königlichen Ungarn und Siebenbürgens zum Ziele setzte. Nach all diesen Ereignissen war klar, daß Siebenbürgen seine eigenen staatlichen Rahmen selbständig ausbauen mußte. Die Scheinselbständigkeit machte es den Siebenbürger Sachsen möglich, die Rechte der sächsischen Nationsuniversität Siebenbürgens zu erweitern, diese zu verteidigen und eine Art von Autonomie zu verwirklichen. Durch die Verbreitung der Reformation und durch die Kirchenerneuerung von Johannes Honterus (Kirchenordnung aller Deutschen im Sybenbürgen 1560) bildeten die siebenbürgischen Sachsen eine eigene nationale Kirche heraus.

Die Verbreitung der Reformation in Siebenbürgen wurde durch die in Europa noch unbekannte gegenseitige religiöse Duldung (Toleranz) in großem Maße leichter gemacht. In diesem Sinne wurde schon 1534 auf dem Landtag zu Mediasch/Medgyes ein Beschluß gefaßt. Die entscheidenden Schritte in diese Richtung waren die Thorenburger/Tordaier Landtage der Jahre 1557, 1564, 1568 und 1571, wo die Stände beschlossen, daß die vier rezipierten - katholischen, kalvinistischen, evangelischen und unitarischen - Konfessionen frei ausgeübt werden durften, die orthodoxe Kirche wurde nur geduldet.

Siebenbürgen stand zwar unter türkischem Protektorat, trotzdem konnten die Regionen Siebenbürgens die Verwüstungen der Türkenkriege und die durch diese Kriege verursachte Hungersnot und Epidemien nicht vermeiden. Wegen dieser Umstände blieb die Entwicklung, eingeschlossen die Entwicklung der sächsischen Städte und der sächsischen Siedlungsgebiete, stehen. Die Siebenbürger Sachsen konnten allerdings trotz all dieser Ereignisse noch weitere zweihundert Jahre lang erfolgreich gegen die Concivialität - das Recht der Ansiedlung der nichtsächsischen Bevölkerung in den von den Sachsen bewohnten Städten und auf ihren Siedlungsgebieten - ankämpfen.

Neben Siebenbürgen blieben die wichtigsten deutschsprachigen Siedlungsgebiete des Karpatenbeckens weiterhin die Zips und Westungarn (das spätere Burgenland). Auf dem Gebiet des Königlichen Ungarn, in Oberungarn, erlebten die Städte im 16. Jahrhundert durch den bedeutenden Erzbergbau, im Gegensatz zu Siebenbürgen wieder eine Blütezeit. Neben der wirtschaftlichen Entwicklung spielten auch die religiöse Erneuerung, die Reformation eine bedeutende Rolle beim Ausbau und bei der Bewahrung des eigenen Schulsystems und der Unabhängigkeit der Nationalitäten, die auf diesem Gebiet lebten, vor allem der deutschen. Aber außer den besetzten und siebenbürgischen Gebieten erreichten die türkischen Einfälle auch die Städte in Oberungarn und in der Zips. Neben den beständigen Kämpfen mit den Türken nahm die Gegenreformation in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ihren Anfang und nahm ab 17. Jahrhundert einen großen Aufschwung. Die deutschsprachige Bevölkerung Oberungarns geriet wegen ihrer Konfession mit der Habsburger-Dynastie, die Ungarn gegen die Türken verteidigte, in Konflikt. Die Ausbreitung der Gegenreformation und die von der ungarischen Tiefebene umsiedelnde Bevölkerung ungarischer Nationalität gefährdete die nationale Selbständigkeit der Zipser Sachsen. Wegen der konfessionellen Bedrohung traten die Zipser Sachsen auf die Seite Bocskais, Bethlens, Georg Rákóczis I. und II., Thökölys und Franz Rákóczis II. (z.B. Jakob Kray aus Käsmark/Késmárk, Martin Lányi, Samuel Topperczer, der Rákóczi-Brigadier Urban Czelder). Die Gegenreformation nahm ab 1670 ein bis dahin noch nicht erfahrenes Ausmaß an. 1673 wurden 32 evangelische Prediger und Lehrer Niederungarns in Preßburg/Pozsony zur Ausweisung verurteilt. Ein Jahr später, 1674 wurden sämtliche Prediger und Lehrer mit lutherischer Konfession Oberungarns erst zum Tode, dann zur Galeerenstrafe verurteilt. Diese Ereignisse konnten nur durch „das Blutbad vonPreschau/Eperjes" des Generals Caraffa im Jahre 1687 übertroffen werden. Nach alldem ist es verständlich, daß die Zipser Sachsen bis zum Äußersten dem Freiheitskampf Franz Rákóczis II. treu blieben. Dank des durch das Fürstentum gewährten Schutzes konnten die Siebenbürger Sachsen jedoch den Schlägen der Gegenreformation entkommen; gestärkt durch ihre aufrechterhaltene nationale Souveränität erwiesen sie sich als treue Befürworter der habsburgischen Bestrebungen.

 

 

 

 

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